Angst, Angst zu haben
ab 07.04.2019

Angst, Angst zu haben

Die ‘Angst, Angst zu haben’, ist ein Zustand, den wir alle kennen. Stark sein müssen und keine Schwäche zeigen zu dürfen, ist eine Realität unserer Gesellschaften, die uns unterschiedlich individuell je nach Person oder Situation verunsichern und herausfordern kann. Der Künstler Ariel Reichman (*1979) ist in Südafrika und Israel aufgewachsen und hat sich schon als junger Mensch etlichen extremen Situationen stellen müssen – ganz besonders der, als Soldat in den Krieg geschickt zu werden.

Bäume stehen seit jeher als Symbol der Kraft, des Wachstums und des Lebens. Das Gut Kerkow liegt mitten in der grünen Uckermark und ist umgeben von viel Natur mit satten Wiesen und starkem Waldbestand – nicht zuletzt einem natürlichem Unesco-Welterbe, dem Buchenwald Grumsin.

Ariel Reichman bedient sich dieser Symbolik und schlägt somit den Bogen zwischen seinem künstlerischen Ausdruck und regionaler Typologie.

Der Künstler nimmt große starke Baumstämme aus der Region und lehnt oder legt diese an und auf die Balken des ehemaligen Speicherraumes des Gut Kerkow. Jedoch hat er die Stämme vorher bearbeitet und hat sie in ihrer Festigkeit angegriffen, indem er sie an jeweils einer Stelle soweit angebrannt hat, daß sie in ihrer Grundfestigkeit geschwächt sind. Zudem hat er die für sie typische Rinde weiß übermalt, um sie somit weiter zu abstrahieren und einer stärkeren Symbolik zuzuführen.

Der Geruch von Feuer und Farbe, aber auch von frischem Holz und somit Leben liegt bedeutungsschwanger im Raum und erzählt sinnlich erfahrbar von Verletzlichkeit und Schwäche, jedoch zugleich auch Stärke und Widerstandsfähigkeit. Die kräftigen Stämme scheinen fast zu zerbrechen und doch leisten sie Wiederstand, stehen und lehnen stark und archaisch im Raum und trotzen dem Angriff der Naturgewalt Feuer im Inneren ihres Kerns.

Ariel Reichman beschreibt symbolisch und bildlich einen mentalen Daseinszustand, einen Moment zwischen Stärke und Schwäche, Stabilität und Verletzlichkeit, der nicht nur theoretisch vorstellbar und fühlbar ist, sondern auch skulptural formalistisch lesbar bis hin zu performativ erfahrbar wird. Ein neues Verständnis von Stärke und geschlechterspezifischer Zuschreibung zur Männlichkeit wird fassbar, indem Schwäche und Angst als keine schlechte und zu negierende Eigenschaften, sondern als integrativer und unabdingbarer Teil von Stärke und Kraft zu verstehen sind.

Awst & Walther

Wachsende Desorientierung und Unsicherheit prägen unsere Gegenwart, hervorgerufen durch ökologisches Ungleichgewicht, unvorhersehbaren technologischen Fortschritt und globale politische Spannungen. Wie imaginieren wir in dieser Situation Zukunft und definieren die Grundbedingungen unserer Existenz neu? Awst & Walther verstehen ihr künstlerisches Schaffen als Mittel, um kritische Distanz zu bestehenden Ordnungssystemen zu gewinnen und in letzter Konsequenz zu einem neuen Denken zu gelangen. Ihr künsterlisches Schaffen bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Architektur, Konzeptkunst und gesellschaftlicher Stellungnahme. Seit 2006 arbeiten die ausgebildete Architektin Manon Awst und der Theaterregisseur Benjamin Walther zusammen. In beiden Berufen spielt das Verhältnis des Menschen zum Raum eine zentrale Rolle.

Wie in vielen anderen Arbeiten von Awst & Walther, liegt der Außenrauminstallation DEFENCE eine Überlegung zu einer bestimmten Architektur zugrunde. Wir sehen drei Steelen, die im gleichen Abstand von einander entfernt und unverbunden in einer gerade Linie stehen. Mit ihrer Höhe von 260 cm stehen sie in Relation zur Größe des Betrachters, den sie immer überragen. Der jeweilige Zwischenraum wiederum stellt den menschlichen Körper in einen horizontalen Zusammenhang. Hinzu kommt, daß wir uns gemeinsam mit der Umwelt in dem hochglanzpolierten Edelstahl wiederspiegeln. Auf der ersten Ebene der Wahrnehmung geht es also im Sinne der minimalistischen Kunstum eine konzentrierte Wahrnehmung von Dimension und räumlicher Erfahrung. Erst durch das abgewinkelte obere Ende bekommt die Struktur eine neue Bedeutung. Aus drei individuellen Steelen werden Zaunpfosten, die eine Grenze markieren. Dann werden die Zwischenräume mit Gittermatten ausgefüllt und der Schutzzaun mit einem Übersteigschutz aus Nato-oder Stacheldraht bewährt. Je nachdem auf welcher Seite man nun steht, wird man zum Ausgegrenzten oder Ausgrenzendem. Der Zaun auf den Awst&Walther in Defence anspielen, ist kein Gartenzaun sondern ein politischer Zaun. Er verweist auf  Sehnsüchte und Sehnsuchtsorte, deren Erreichen mit einer Politik der Abgrenzung verhindert wird.

Im Innenraum des Gutshauses auf Gut Kerkow zeigen Awst&Walther die Videoarbeit GROUND CONTROL, die in minimaler Ästhetik den Kameraflug durch die Weiten einer perfekt grünen Graslandschaft unter blauem Himmel darzustellen scheint. Doch bei genauerer Betrachtung irritieren zum einen die Tatsache, daß die Landschaft auf dem Kopf steht, zum anderen die Gleichheit der Landschaft, die in einer unendlichen Dauerschleife immer gleich zu bleiben scheint. Tritt der Betrachter dann näher an die Projektion heran, so wird er feststellen, daß es sich bei den Landschaftsaufnahmen nicht wie zuerst angenommen um eine filmische Dokumentation, sondern um eine komplett digital entwickelte 3D-Animation handelt. Die Natur wird künstlich nachgebildet um eine perfekte Kopie ihrer selbst zu erschaffen. In dieser absurden Form und der Projektion über Kopf wird die unrealistisch vorgeführte Realität zur Kulisse für den Austausch von Fakten und Ideen rund um das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit, den Manon Awst durch ein Poetry Reading live anstoßen wird.